Eis

Claus Melzer

Eis Therapie – Kontraindikation in der Medizin?

Dieser Artikel gibt meine persönliche Auffassung wieder, dass die Eistherapie eine überschätzte und speziell für Sportler gefährliche Therapieform darstellt. Eis ist meiner Meinung nach kontraindiziert bei allen akuten oder postoperativen Zuständen, ausgenommen spezieller entzündlicher Erkrankungen wie Rheuma oder Sepsis. Da der Sportler sich nicht im geringsten von dem „normalen“ Patienten unterscheidet, gilt dies auch für alle Patientengruppe mit der Ausnahme weniger, wohl definierter Erkrankungen.

Es gibt keine wissenschaftliche Untersuchung und Literatur (weltweit), die einen positiven Zusammenhang zwischen Wundheilung und Eisbehandlungen belegt. Die Studien, die es gibt untersuchen nur einzelnen Aspekte einer Entzündung, aber nie das Zusammenspiel aller. Soll heißen, daß sich diese Therapie nur auf Empirie und klinische Erfahrungswerte stützt. Die meisten Untersuchungen stellten nur die Änderungen der Gewebetemperatur fest (siehe Punkt 5). Schon die banalen Fragen nach Zeit, Ort, Applikation o.ä. fallen schon so unklar aus, daß sich schon hier Fragen ergeben, die einer Erklärung bedürfen. Dies sind meine Argumente:

1.) Die physiologischen Wirkungen von Eistherapie zu beurteilen ist immer schwer, da sie immer zeitgleich mit anderen Maßnahmen durchgeführt wurden. Somit ist es schon rein technisch unmöglich Wirkungen einer Therapieform – hier dem Eis – zu zuordnen.

2.) In den Untersuchungen kommen verschiedene Anwendungsformen zum tragen: Eisloly, Eiswasser, Kaltluft, Eisspray, Eispack etc.. Diese Anwendungen sind nicht miteinander vergleichbar.

3.) Die Untersuchungen, die gemacht worden, sind von nicht unabhängigen Institutionen oder Sachverständigen durchgeführt worden. Ein Einfluß fremder Interessen ist daher nicht auszuschließen.

4.) Viele Untersuchungen von klinischer Relevanz gründen sich nur auf den subjektiven den Erfahrungswerten der Patienten bzgl. Schmerz. Schmerz ist hierbei lediglich ein Symptom, das – zugegeben – ein wichtiges Argument ist.

Was jedoch vernachlässigt wird: Schmerz ist meiner Meinung nach bei einer Entzündung das Leitsymptom für die Th-erapie (und zwar ein kostengünstiges), denn ohne Feedback Schmerz ist eine Therapie unmöglich. Hinzu kommt, dass die Enzündung nicht per se destruktiv ist (ausser bei Rheuma, doch dies ist jetzt nicht Gegenstand der Diskussion), sondern eine eine physiologisch wichtige Reaktion um die Wundheilung zu starten und ein funktionsfähiges (!) Bindegewebe entstehen zu lassen.

Wird der Schmerz gehemmt, kann die Physiologie nicht ablaufen (Peacock (1984), Prof. van Wingerden, Knight (1989, 1990)), d.h., dass das neu entstandene Bindegewebe nicht ausreichend belastungsstabil werden kann (zumindest nicht in der vorgesehenen Zeit).

Damit verlängert sich die Wundheilungsphase (aus klinischen Erfahrungen weiß man, daß eine Verdoppelung der Regenerationszeiten (turn over Zeiten) möglich sind. Der Muskel hat eine turn over Zeit von 21 Tagen, die Sehne eine normale von 300 – 500 Tagen). Eine Wundheilungsbeschleunigung wie sie in diesem Zusammenhang immer wieder fälschlicherweise behauptet wird, kann es also nicht geben, das Gegenteil ist der Fall. Der Schmerz wird vom Patienten als Schutz benötigt damit der Patient eine adäquate Belastung durchführen kann ohne sich selbst noch weiter zu schädigen.

Das Argument der Kinine wird später behandelt.

5.) Die Variationen der verschiedenen Applikationen zeigt sich v.a. in der Hauttemperatur. Zwischen -6,1° (Hermann 1971) bis zu 20,3° (Jordan u.a. 1977). Diese Ergebnisse zeigen nur, daß Eis eine Senkung der Hauttemperatur bewirkt, es können keine Ableitungen hergestellt werden zur Zeit, zur Form und v.a. ob dies sinnvoll ist.

6.) Bei der Temperatur intramuskulär fangen schon die großen Schwierigkeiten an. Während Basset/Lake (1958), Lowdon/More (1975), Lohnson (1989) Senkungen beschrieben, kommen Barcroft und Clarke zu Erhöhungen. Abramson, Botte (1982) dagegen stellten keine Unterschiede fest.

7.) Gelenktemperaturen sind ebenfalls kontrovers. Cobbolt/Lewis, Botte und Kern (1984) kommen zu einer Senkung, Hollander/Horvath (1979) dagegen zu einer Erhöhung der Gelenktemperatur.

8.) Ödeme entstehen in Abhängigkeit vom Grad der Verletzung, sie entstehen durch die Erhöhung der Permeabilität der Kapillaren und durch die Zerstörung der Proteoglykane im Bindegewebe. Die Permeabilität ist auf Entzündungszeichen zurückzuführen und entsteht auch durch den direkten Einfluß von Kältereizen (Leduc (1974), Lieven (1984), Meeusen (1986)). Auch in jüngster Vergangenheit findet man vermehrt hierzu Literatur, doch keine beweist, daß durch Eis das Ödem reduziert wird. Allein die Tatsache, daß Eis ein erneuter Reiz ist, der die Mastzelle dazu veranlasst neues Histamin freizusetzen, spricht gegen eine Eisanwendung. Dagegen spricht auch, daß unter Eis die Lymphgefäße kollabieren. Wenn Eis also entödematisierend sein sollte, müssten bei der Verordnung von Lymphdrainage automatisch Eis mit verordnet werden. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Hier kommt dem Eis v.a. die Kombination von verschiedenen Anwendungen zur Hilfe (Kompression und Hochlagern). Durch diese beiden Aspekte werden die negativen Wirkungen des Eises kompensiert. Knight (1985) und van Wingerden (1989) beschreiben durch Eis eine deutliche Zunahme von Ödemen.

Auch die Kompression ist nicht bewiesen, denn man weiß, daß die Durchblutung im Muskel bei einer Kompression von ca. 30mmHg (Widerstand einer Socke) um 40% fällt, im subcutanen Gewebe sogar um 60%. Hinzu kommt, daß die Lymphgefäße in dieser Situation schon 300 – 400% mehr leisten als in nicht geschädigten Gewebe. Desweiteren ist das Gefäß sehr schnell zu (Axonreflex und Thrombozyten), also kann nichts mehr „auslaufen“.

Eine Entzündung geht immer mit einer Gewebetemperaturerhöhung einher, durch Eis erhöht sich diese Temperatur (Schmidt (1989)). Nach Schmidt, Svanes, Brooks verzögert sich die eintretende Entzündungsreaktion.

9.) Die Eistherapie hemmt Wundheilung, weil diese Therapieform negative Auswirkungen auf den Metabolismus (Abnahme), Zirkulation (Konstruktion) und die Gewebetemperatur ausübt.

10.) Die Vasokonstriktion durch Eis sind zunächst zu erwarten. Doch eines gerät hierbei immer wieder in Vergessenheit. Die Wunden ist nach ca. 10 Sekunden durch den so genannten Axonreflex geschlossen und nach weiteren 20 Sekunden haben die Thrombozyten ihr übriges getan. Also warum eine geschlossene Tür noch weiter schließen. Zu ist zu! Vor 10 Sekunden wäre also Eis sinnvoll.

11.) Schmerzhemmung ist die einzige für den Patienten positive Wirkung. Zumindest scheint es so. Er fühlt sich wohler und besser und vertraut dem Körper, daß dieser belastungsfähig sei, doch dies ist der größte Irrtum und ist einer der Hauptgründe für die Entstehung chronischer Prozesse (Noack, Klimpel, Streeck, Focke 2006). Hierzu muß dann gleichzeitig gesagt werden, daß dies auch auf alle lokal wirkenden Entzündungshemmer (Voltaren, Diclofenac, Aspirin etc.(hierzu braucht man nur mal plastische Chirurgen fragen, was die von dieser Medikamnetengruppe halten bzgl. Narbenbildung, Wundheilung) zutrifft. Der für Schmerz verantwortlich Stoff (Prostaglandin) hat ja nicht nur diese eine Funktion. PG haben bis dato 400 weitere Funktionen (Bronchodilatation, Schleimproduktion (COX-1), Schlaferzeugung, Konstriktion der glatten Muskelatur, Zunahme der Gefäßpermeabilität, Hemmung der Plättchenaggreration, Hemmung der C1-Sekretion im Magen, Chemotaxis usw.).

Ähnliche Missverständnisse gibt es auch in den Bereichen der Supplementierung von Enzymen und dem „Abfischen“ von freien Radikalen (ersteres hat nicht mit Entzündungen und Mangelzuständen zu tun und letzteres ist nicht mal in den Ansätzen erforscht. Hinzukommt das freie Radikale durchaus positive Aspekte haben).

Das Eis wird über den Rezeptor TRPM 8 in der Haut wahrgenommen und an das Rückenmark weitergeleitet, dieses Signal hält andere Nerven vom Übertragen von Schmerzinformationen ab, die für den Körper wichtig wären (Fleetwood-Walker (2007)).

12.) Eine Entzündungshemmung ist durch Eis auszuschließen.

13.) Kinine (hier v.a Bradykinin und Kalidin) ist v.a für die Dilattation der Gefäß und die Permeabilität der Gefäße, schmerzauslösend. Bradykinin bindet an Rezeptoren der Axonmembran und löst die Kette von intrazellulären Reaktionen aus, die dazu führen dass Transduktionskanäle schon bei schwächeren Reizen reagiert (Hyperalgesie). Leitet die katabole Phase der Entzündung ein. Diese dient der Erkennung der Schwere der Verletzung/Trauma, dem Aufräumen, der DNA-Synthese und dem einleiten der Reparationsvorgänge. Hier ist später v.a. die Makrophagentätigkeit (Phagozytose etc.) und die Blutgerinnung/Blutstillung (wie soll der Hagemannfactor, der als das zentrale Gerinnungsenzym des „intrinsic Systems“ gebildet werden, wenn Kallikrein (Vorstufe des Bradykinin) nicht zu seiner „Arbeit“ kommt) zu nennen. Kinine werden schnell durch Peptidasen inaktiviert, wodurch die Wirkung der Kinine lokal stark begrenzt bleibt. Kinine werden also u.a. zur Modulation verschiedener Regulationssysteme und für die Immunabwehr zwingend gebraucht, weil sie hieran maßgeblich beteiligt sind. Wird dieser Vorgang gehemmt kann Physiologie nicht stattfinden und minderwertiges Gewebe entsteht bzw. es entsteht viel zu spät.

14.) Die Entzündungsvorgänge werden durch eine Vielzahl von Entzündungsmediatoren, die zu Beginn durch die Gewebeschädigung und im weiteren Verlauf auch durch die verschiedenen Immunreaktionen ausgeschüttet werden, hervorgerufen und gesteuert. Histamin erhöht die Permeabilität und steigert die Beweglichkeit von Immunzellen im Gewebe (Chemokinese). TNF alpha erhöht die Permeabilität, fördert die Blutgerinnung. NCF übt eine chemotaktische Wirkung auf Immunzellen aus. Fibrinopeptide rufen eine Chemotaxis von Neutrophilen und Makrophagen hervor und erhöhen die Permeabilität. PGE2 potenziert die Wirkung von Bradykinin und Histamin. Die Funktionen anderer Zytokine (wie Interleukine) setze ich weiter als bekannt voraus. Dies sind also alles Vorgänge, die für die Entzündung und dadurch auch für die Wundheilung unerlässlich sind.

15.) Nicht weiter eingehen möchte ich auf die negativen Folgen bzgl. NO-System (hier v.a. die Verbindung Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse).

16.) Als letztes möchte ich auf die Friktionsmassage eingehen. Ich stimme zu, dass über diese Art von Behandlung die Mechanorezeptoren beeinflusst werden können. Doch auch hier ist die Frage nach dem Sinn. Ist das gewollt? Nein! Auch hier sind wir ganz anderer Auffassung. Eine Querfriktion im Sinne von Cyriax hat eine ganz bestimmte Funktion, sie soll einen chronischen Status wieder akut machen, damit dann die normalen Wundheilungsprozesse ablaufen können. Diese wird auch nur einmal durchgeführt (wenn nötig maximal ein 2. Mal, wenn die Entzündungszeichen nicht eingetreten sind), anschließend bekommt der Patient eine Hausaufgabe, die er dann eine Woche konsequent alle 4 bis 6 Stunden durchführen muß. Erst nach dieser Zeit ist der Körper in der Lage Aktivität (nach einem bestimmten Schema) zu beantworten. Und ein ähnliches Procedere wird u.a. bei der Fußballnational-mannschaft durchgeführt. Dies Rehabiliationsschema ist – wie es in der Medizinsprache so schön heißt – „golden standard“.

17.) Im Sport werden leider Maßnahmen durchgeführt, die wissenschaftlich nicht belegbar sind (wie z.B. die Farben des Kinesotapes unterstützen die Heilungsvorgänge, Kiesertraining sei medizinisch, PNF sei propriozeptiv, m. vastus medialis medialisiert die Patella, Traktionen sind indiziert bei Bandscheibenvorfällen etc.). Der Ausbildungsstand ist erschreckend schlecht. Dies gilt leider auch für die meisten Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Und bei Sportlern, bei denen es immer um sehr viel geht, sollten die Besten ran. Davon ist der deutsche Sport leider sehr, sehr weit entfernt. Es wird viel mehr Wert darauf gelegt, dass irgendjemanden irgendwen kennt. Die besten Leute arbeiten eben nicht gerade im Sport, das Gegenteil ist leider in 98% der Fälle der „golden standard“. Hier wird somit leider nicht im Sinne der Sportler gearbeitet. Dies hat mich u.a. dazu bewogen, mich in der Ausbildung der PT’s und Ärzte, Fort- und Weiterbildung so massiv (bis zu 41 Wochenenden im Jahr) zu engagieren.

Für Anmerkungen oder Diskussionen stehe ich gern zur Verfügung.

Claus Melzer